Innovative Meilensteine – Westley Richards

Die britische Firma Westley Richards sollte den meisten Lesern ein Begriff sein. Doch nicht jeder weiß, wie innovativ deren Ingenieure waren und welche ihrer Konstruktionen bis heute Bestand haben.

Gegründet im Jahre 1812 und nunmehr mit einer fast 210-jährigen Geschichte, zählt Westley Richards als Manufaktur im Jagdwaffenbau bis zum heutigen Tage zu den absoluten Premiummarken. Berühmt wurde die Firma durch fantastische Jagdwaffen, die zur Jahrhundertwende bis in die 1930er-Jahre für die indischen Prinzen und Maharadschas gefertigt wurden. Bis 2008 hatte die Traditionsmarke eine rein englische Geschichte.

Traditionsbewusstsein

Westley Richards zeichnet sich bis zum heutigen Tage durch hohes Traditionsbewusstsein, gekoppelt mit modernen Fertigungsmethoden und der Förderung von talentierten, nachwachsenden Handwerkern aus.

Der bereits verstorbene Geschäftsführer Simon Clode ging, um die Geschicke seiner Firma in die bestmögliche Position zu versetzen, eine Partnerschaft mit seiner Hoheit Sheikh Mohammed bin Khalifa Al Thani ein. Mit dem frischen Geld aus Katar konnten alle notwendigen Investitionen getätigt werden, um die Produktion und den Auftritt der Firma für das 21. Jahrhundert bestens aufzustellen.

Bis zum heutigen Tag werden in Birmingham ausschließlich best guns in Handarbeit gefertigt.
Das Motto: to make a gun as good as it can be made.

Westley Richards im Militär

Westley Richards hat natürlich, wie alle anderen in der Branche auch, eine militärische Vergangenheit. Durch Kontakte mit diversen Ländern und damit verbundenen Einnahmen, konnten die Produktionsstätten ausgeweitet und Umbrüche in derWaffenentwicklung leichter vollzogen werden. An dieser Stelle möchte ich nur ein Beispiel nennen: das berühmte Deely-Edge-Rifle. Es wurde 1881 von John Deely entwickelt, der zehn Jahre zuvor als Manager im Hause Westley Richards seine Anstellung fand.

Ebenso sollte ich noch erwähnen, dass auch Mauser-C96-Pistolen (Kaliber 7,63 mm) von Westley Richards im Jahre 1900 vertrieben wurden. Diesem Artikel ist allerdings der sogenannte sporting aspect gewidmet. Dahingehend hat die Marke mit ihren Jagdgewehren allergrößte Popularität um 1860 errungen. Seit diesem Jahr zählten etwa Prinz Albert, der Gemahl von Königin Victoria, und später auch sein Sohn Prinz Albert Edward, Prince of Wales sowie späteren König Edward VII, zu den erlesenen Kunden. Die damalige Klientel reichte von internationalen Größen, wie dem Kronprinzen von Japan und diversen Maharadschas bis zu William Cody, der als Buffalo Bill Berühmtheit erlangte.

Westley Richards Innovationen

Die wohl größte internationale Anerkennung für das Unternehmen kam im Jahr 1897 mit der Vorstellung und dem Patent des von Hand herausnehmbaren Anson & Deely-Systems. Dieses wurde weltweit unter dem Namen Drop Lock bekannt. In der Kombination mit dem fast zeitgleich patentierten Einabzug, bei dem durch den Doppelzug-Mechanismus ein ungewolltes Auslösen beider Läufe ausgeschlossen wurde, war dies ein Meilenstein in der Entwicklung von Jagdgewehren.

Die Kombi-Konstruktion musste über lange Testphasen die mechanisch einwandfreie Funktion unter verschiedenen Bedingungen beweisen, so auch bei klimatischen Extremeinsätzen, bevor das Produkt an den Markt ging.

Zusätzlich mit einem Satz Wechsel-Schlossen ausgestattet, garantierten diese Drop-Lock-Gewehre im doppelten Sinne eine fehlerfreie Funktion. Damit war ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber allen anderen Jagdgewehren geschaffen, bei denen zum Beispiel der Bruch einer Schlossfeder den Einsatz beendete.

Exemplarisch fand diese Entwicklung Verwendung bei der berühmten und in der Formensprache eigenwilligen Konstruktion der Ovundo! Nur wenige Exemplare wurden davon aufgrund der sehr aufwendigen Herstellungsweise bis 1937 gebaut. Heute sind sie begehrte Sammlerstücke. Viele Sammler, die von ihrer Existenz wissen, haben noch keine zu Gesicht bekommen, geschweige denn sie schießen können.

Modell „Ovundo“

Es gab sie als Bockdoppelbüchse sowie -flinte. Bei der Ovundo wurde eine weitere Raffinesse, die sogenannte Inspection Claps, eine von Hand ohne Werkzeug zu öffnende Revisionsklappe im hinteren, ovalen Teil der Seitenplatten verbaut. Wenn sie auf beiden Schlossplatten geöffnet war, hatte man im wahrsten Sinne des Wortes den „Durchblick“.

Diese Flügeltüren waren aber nur das Tüpfelchen auf dem i. Die von Hand herausnehmbaren Drop-Locks sind die eigentliche technische Sensation. In Funktion und Abzugscharakteristik einem Seitenschloss absolut ebenbürtig, haben sie den unschätzbaren Vorteil, sollte einmal eine Schenkelfeder brechen, von Hand ausgetauscht werden zu können.

Dazu wurde die Inspektionsklappe unten geöffnet, die Dropbox herausgenommen und durch Ersatzschlosse aus einem eigens für ihre Aufbewahrung gefertigten Etui eingelegt. Klappe wieder geschlossen, und weiter geht’s! Jeder, der sich mit klassischen Waffen auseinandergesetzt hat, weiß um die Fragilität mancher Schenkelfeder. Materialermüdung und das Abschlagen ins Leere konnte schon so manchen Jagdausflug unverhofft beenden.

Kundenklientel

Die Extravaganz dieser Gewehre zog eine ebensolche Klientel an. So wurden in den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren Berühmtheiten wie Stewart GrangerElmar Keith und Ernest Hemingway zu Stammgästen im Showroom von Westley Richards.

Gerade für Afrika-Waffen war unter den harten Einsatzbedingungen die zusätzliche Versicherung zur einwandfreien Funktion durch die Ersatzschlosse ein nicht zu unterschätzendes Verkaufsargument!

1897 patentierte Westley Richards die von Hand zu entfernende Schlossplatte, 1907 folgte die Verbesserung durch den sogenannten light-pull-Mechanismus. Und im Jahre 1908 wurde die heute gültige Form für die an einer Welle hängende und aufschwenkbare Bodenplatte eingeführt. Häufiger kam diese aufwändige Technik bei der Herstellung von klassischen Side-by-Side-Doppelflinten zum Einsatz. Als square oder round body gefertigt – je nach Geschmack des Kunden.

Die Drop-Lock-Doppelflinten erfreuten sich großer Popularität und wurden infolgedessen auch in hoher Stückzahl gefertigt. Ob als Einzelflinte oder Paar – diese Konstruktion machte immer einen guten Eindruck. Häufig wurden diese Modelle auch mit dem von Westley Richards patentierten One-Pull-Abzug gefertigt.

Dem Glamour der indischen Maharadschas und dem der amerikanischen Superstars der frühen 1930er-, 40er- und 50er- Jahre folgend, fand sich die eine oder andere Westley Richards auch in Besitz des europäischen Adels oder diverser Industrie-Bosse.

Bis zum heutigen Tag haben diese britischen Jagdgewehre nichts an ihrer hohen Attraktivität und ebensolchem Gebrauchswert eingebüßt. Daher stehen sie nach wie vor ganz oben in der Gunst vermögender Kunden.

Ein Waffenkoffer und passende Accessoires sind bei solch edlen Gewehren, wie einer Westley Richards, beinahe schon Pflicht!

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